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Weinspiel

Korkenzieher im Gepäck von Katarina Sieh-Burens

Histörchen über prominente Weinliebhaber: Adenauer, Queen Viktoria, Friedrich II u.v.a.

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Von Dieter Simon  ·   14 November 2017   ·   278  
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Weinsprüche, Zitate, und Anekdoten berühmter, weinaffiner Zeitgenossen reihen sich wie Perlen an einer Schnur. Doch dies ist nur ein eher unwesentlicher Teil des Buches „Korkenzieher im Gepäck“ von Katarina Sieh-Burens. Die Historikerin nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise, in dem sie Persönlichkeiten vorstellt, die seit dem 18 Jahrhundert einen besonderen Bezug zu deutschem Wein haben. Was diese Personen mit deutschem Wein verbindet, beleuchtet die Autorin auf wunderbare Art und Weise. Ihr 200 Seiten umfassendes Büchlein ist eine wahre Bereicherung in dem eigentlich schon gesättigt scheinenden „Weinbüchermarkt“.
 
Die Autorin: Katarina Sieh-Burens.Die Autorin: Katarina Sieh-Burens.Die Interessen von Friedrich dem Großen, Thomas Jefferson, Fürst Metternich, Königin Victoria, Fürst Bismarck, Theodor Heuss und Konrad Adenauer was Wein betrifft, können unterschiedlicher nicht sein. Von natürlichem Weingenuss über weinbauliches Engagement bis hin zu politischen Zwecken reichen diese Verbindungen. Sieh-Burens versteht es, mit ihrem überaus flüssigen, durchgängigen Schreibstil Neugier und Interesse des Lesers hochzuhalten und sowohl mit vielen Bonmots und Neuigkeiten als auch, bedingt durch intensive Recherchen, mit  Überraschungen aufzuwarten. Es macht Spaß, ihr bei diesen Begegnungen zu folgen, bei denen sie nicht nur die betreffenden Persönlichkeiten und ihren Bezug zu deutschem Wein beleuchtet, sondern auch das Zeitgeschehen mit einbindet und politisch-geschichtliche Querverbindungen aufzeigt.
 
Zeitgeschichte als Weingeschichte
So diente der Wein dem Preußenkönig Friedrich II größtenteils zu Repräsentationszwecken. Obwohl sein, unterhalb von Schloss Sanssouci angelegter Weinberg lediglich der Traubenerzeugung diente, schützten und regelten er und seine Vorgänger durch spezielle Erlasse, Weingesetze und Verordnungen den Weinanbau und führten sogar unter den Begriffen Tischwein, Fischwein, Ehrwein, eine Art Klassifizierung ein. Auch wenn bei Hofe ausschließlich französisch gesprochen und auch überwiegend getrunken wurde, lagerten neben fast 4000 Flaschen Champagner auch mehrere deutsche Weine. Unter ihnen ein 1.200 l Fass Hochheimer, im Wert von 800 Reichsmark. Seit 1991 befindet sich das Grab Friedrich des Großen, seinem Wunsch gemäß, am Ostende seines Weinbergs.
 
Weißwein top, Rotwein Flop
Ganz anders die Interessen des amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson, der 1788, als zu der Zeit noch US Botschafter, Deutschland besuchte. Politik-Wirtschaft-Handel standen bei seinem Besuch im Mittelpunkt. Jedoch hatte er, wie berichtet wird, einen Korkenzieher in seinem Reisegepäck. Während Jefferson Fußfahrten an Rhein und Mosel unternimmt, sich fleißige Notizen zu An- und Ausbau der Weine macht, erfährt der Leser nebenbei, dass 1787 die Geburtsstunde des Rieslings als wichtigste Rebsorte an der Mosel schlug und man die Bezeichnung „Hock“ für den Hochheimer ( als zu der Zeit besten deutschen Wein) einführte. Sehr anschaulich wird es, wenn die Autorin die Flussfahrt Jeffersons nach Rüdesheim mit dem Holztransport der Flößer vom Schwarzwald nach Holland in Verbindung bringt. Das bringt dem Leser die Zeit näher und man glaubt sich mitten im Zeitgeschehen. Auch die Aufzeichnungen Jeffersons über Rebsorten, Erträge und Qualität, z. B. 4 Ohm (ca. 600 Liter) Wein von 1000 Stöcken oder seine  Aussage über deutschen Rotwein, den er  als völlig wertlos bezeichnete, geben ein beredtes Zeugnis über die Wertschätzung Deutscher Weine.
 
Der Kongress tanzt
Wiederum ganz anders verhält es bei einer der wichtigsten und umstrittensten Figuren deutsch-österreichischer Geschichte, Fürst Metternich. Es macht Spaß  hierbei den Exkursen der Autorin zu folgen, in denen sie nicht nur die Vita des Fürsten, sondern auch die Entstehung und Entwicklung von Schloss Johannisberg im Rheingau und seine weinbauliche Bedeutung beleuchtet. Nachdem der Kongress in Wien ausgetanzt hatte,  bekam Metternich Schloss Johannisberg vom österreichischen Kaiser als „Lehen“ und schrieb Weingeschichte. Ob es die „Einführung“ des Begriffs Spätlese ist, die erste Bodenanalyse, durchgeführt von dem seiner Zeit bekanntesten Chemiker Justus von Liebig, der erste Eiswein 1857 oder die Verbindung Metternich- Rothschild. Der Leser wird Zeitzeuge all dieses Geschehens und wähnt sich mittendrin. 
 
Wein statt Wasser
Im Viktorianischen Zeitalter wurde viel getrunken. Da machte auch die namensgebende Queen Victoria keine Ausnahme. Wasser war schlecht und so diente Wein als probates Mittel  gegen Krankheiten. Der Deutschlandbesuch der Königin löste einen Wahren Hype aus. Bei ihrer Fahrt durch Köln besprengte man die Straßen mit Kölnisch Wasser und ihre Rhein-Romantik-Flussfahrt ist fast schon legendär. Mit dem „Hochheimer Victoriaberg“ widmete man ihr sogar eine ganze Weinbergslage.
 
Wein statt Wodka
Bismarck trank gern und viel. Das erste Glas schon beim Frühstück. „ Mit einer Flasche Mosel und einer 1/2 Flasche Champagner lässt es sich im Reichstag leichter reden“, ist nur einer seiner „bismarckigen“ Sprüche. Es herrschte ein wahrer Bismarckkult und sein Name wurde auch weinspezifisch regelrecht ausgeschlachtet. Auf seinem „Sitz Friedrichsruh“ lagerten 12.000 Flaschen  Wein verschiedenster Sorten und Jahrgänge und Herkunft. Er sorgte unter Anderem dafür, dass deutsche Weine bei der deutschen Botschaft in Petersburg ausgeschenkt wurden.
 
Rheinisch- moselanische Verbrüderung
Im Gegensatz zu den Vorgenannten war Konrad Adenauer „Deutschweintrinker“, Vor allem bevorzugte er die Weine die vor seiner Haustür wuchsen, die von Rhein und Mosel. Qualität vor Quantität war hierbei sein Motto. Akribisch führte er Buch über seine Weinbestände. Er setzte den Wein ein als Katalysator und Mittler bei schwierigen Verhandlungen. So soll CSU Chef Strauß bei einem Besuch bei Adenauer  einmal gesagt haben: Solch edle Weine habe ich noch niemals vorher getrunken.“ Sehr bildhaft wird es, wenn der Leser erfährt, dass es bei den schwierigen Verhandlungen mit Moskau, bezüglich Rückkehr Kriegsgefangener, zu einem regelrechten Wettsaufen  zwischen mit Molotow, Bulganin und Chruschtschow gekommen sein soll, bei dem sich i die deutsche Delegation m Vorfeld mit Olivenöl präpariert hatte. Bei seinem Besuch in im Weißen Haus wurde beim Lunch ein 1959er Bernkasteler Schwanen Spätlese ausgeschenkt. Adenauer hielt mehr als einem ein Plädoyer für sein „Möselchen“. Mehr als einmal sah man einen blau weißen VW Bus von Deutschland nach Italien in sein Feriendomizil am Comer See fahren. Beladen mit „lecker Weinchen“ wie er sich auszudrücken pflegte.
 
Der Weindoktor
Auch Theodor Heuss war kein Kostverächter und betrachtete den Rotwein seiner Heimat als Medizin. Wein war sogar Thema seiner Doktorarbeit. Wie wichtig ihm der Weinbau und auch die Winzer waren bewies er, als er sich 1907 auf die Notlage der Weinbauern hinwies und sich 1908 entschieden gegen eine Weinsteuer aussprach. Der Genossenschaftsgedanke lag ihm genauso am Herzen wie sein Anliegen, qualitativ hochwertige Weine auch für den „kleinen Mann“ erschwinglich zu produzieren und auch in der Gastronomie offene Weine auszuschenken. Seine Weinsprüche sind fast schon Kult. „Für diese Rede über abstrakte Kunst habe ich 3 ½ Flaschen Wein gebraucht“ oder nach einem „Betriebsunfall“ - „Offiziell bin ich auf der Treppe ausgerutscht, inoffiziell waren zwei Liter Lemberger zuviel.“ Literatur und Wein waren seine Herzensangelegenheit.
 
All dies und noch viel viel mehr erfährt der Leser in diesem Buch. Angefangen, legt man es nicht mehr aus der Hand. Fast schon ein flüssiger Geschichtsunterricht. Dank an die Autorin. Auch die sparsame und gezielte  Illustration mit teils farbigen Bildern trägt zu dieser genussvollen Lektüre bei. Fürwahr ein kleiner Glücksgriff und sicherlich, vielleicht zusammen mit einer oder zwei oder... Flaschen Wein ein wunderbares Geschenk.
 
Rezension: Horst Kröber; Fotos: Coverbild: Verlag, Autorin: PR
 
Korkenzieher im Gepäck
Katarina Sieh-Burens
Rhein-Mosel-Verlag
ISBN: 978-3-89801-090-0
Preis: 19,80 Euro
 
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