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Über die Kunst der Trunkenheit

Nicht Menge ist gefragt, sondern der gekonnte Genuss

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Von Horst Kröber  ·   11 August 2017   ·   76  
Über die Kunst der TrunkenheitÜber die Kunst der Trunkenheit
Ich war regelrecht gespannt, was sich unter dem Buchtitel „ Über die Kunst der Trunkenheit“ verbirgt. Ging es dabei vielleicht darum, mit welchem Kunstgriff man unter der staatlich verordneten Promillegrenze bleibt? Mitnichten! Marcus Reckewitz schlägt einen großen Bogen in seiner über 150 seitigen Abhandlung. Wann trinkt man noch und wann ist man Alkoholiker? Haben wir nicht das Recht frei zu entscheiden was und wieviel wir trinken? Es macht schon Angst wenn es heißt, dass rund 3,3 Millionen Menschen weltweit an ihrer Alkoholsucht sterben. Aber darum geht es letztendlich gar nicht.
 

Der Rausch, ein anthropologisches Gewohnheitsrecht?

Im Untertitel des Buches heißt es nämlich „Ein Plädoyer für einen gepflegten Rausch“. Trinken hat etwas mit genießen und Genuss zu tun. Und beim Alkohol ist es wie bei jeder „Droge“, die Dosis macht‘s. Wenn man weiß, dass Deutschlands Dichterfürst Goethe 3 Flaschen Wein am Tag getrunken hat und die Dichter und Aphoristiker E.T. A. Hoffmann  und Lichtenberg  dem in nichts nachstanden, kann ein solcher Weinkonsum dann schädlich sein? Reckewitz versteht es in seiner unnachahmlichen Art, diesem doch eher heiklen Thema mit Sprachwitz zu begegnen und die verschiedensten Facetten zu beleuchten. So stellt er unter anderem die These in den Raum, dass das Recht auf Rausch ein anthropologisches Gewohnheitsrecht sei und dass es bei einem gezielten Umgang mit Alkohol auch um die Sorgfalt  im Umgang mit sich selbst geht. Trinken ist so alt wie die Welt.

Igel und Seidenschwanz im Vollrausch

Doch der Mensch ist nicht die einzige Spezies die Bekanntschaft mit Alkoholgenuss und seinen Folgen macht. Reckewitz macht  bei seinem Streifzug durch die Evolution auch einen Ausflug ins Tierreich. Welcher geneigte Leser weiß schon, dass im Spätherbst 2006 in Wien 40 Seidenschwänze vom Himmel fielen, weil sie Trauben gegessen hatten und im Vollrausch gegen Fenster flogen, oder das Igel ein Alkoholproblem haben, weil sie Nacktschnecken fressen, die sich an den in Bierfallen befindlichen Bier vollgesogen haben. Er weist auf Ähnlichkeiten von Mensch und Fruchtfliege in Bezug auf Blutalkohol. Etwas umstrittener ist die Behauptung: Was trug dazu bei, dass der Mensch sesshaft geworden ist. Das Bier! Saufen statt Laufen hieß die Devise und die Steinzeitler berauschten sich am Bier.  

Ballermann und Babylon

Er stellt Vergleiche zwischen Ballermann und Babylon her ( schon die Sumerer tranken Bier mit Strohhalmen aus großen Krügen wie die Ballermänner Sangria aus Eimern ein paar Jahrtausende später). Es ist ein köstliches Lesevergnügen sich durch die 14 Kapitel des Buches zu arbeiten; wobei das Wort Arbeit eigentlich fehl am Platz ist. Von der Antike bis zur Jetztzeit, vom Bier über den Wein bis hin zu den Spirituosen. Alkoholgenuss zieht sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte und Reckewitz lässt uns teilhaben an den Genüssen und Exzessen dem Gebrauch und dem Missbrauch des Alkohols. Er zeigt auf, dass die französische Revolution als Geburtshelfer des Kneipenwesens in Paris zu sehen ist, was Absinth in der Künstlerszene alles angerichtet hat und wie es zum italienischen Aperitifklassiker Vermouth kam.  Auch Geschichten zum Rum, zum Gin oder zum Wodka, um nur einige Spirituosen zu nennen, lesen sich höchst amüsant. Man schmunzelt, man lacht, man staunt und  wundert sich, was es nicht alles aus diesen Sparten zu berichten gibt.

Dionysos und Mohammed

Einen großen Raum nimmt das Thema Bier ein. Auf über 40 Seiten nimmt Reckewitz uns mit auf eine Exkursion durch die Geschichte des Bieres, vom Gebräu der Sumerer bis hin zum Craft-Beer und der fast verloren gegangenen „Berliner Weiße“ weiß er einiges Sonderbare zu berichten. Sogar zwei komplette Biermenüs hat er dabei im Programm.  Einen kurzen Abstecher  beim Thema Bier unternimmt Reckewitz bei dem Vergleich zwischen den Exzessen und Gelagen des Weingottes Dionysos und dem Kölner Karneval, bevor er dann den Schleier zum Morgenland lüftet. Denn, dass auch in muslimischen Ländern gerne getrunken wird, wissen wir nicht nur vom großen persischen Dichter Hafis; nein auch der Autor dieses Buches  wartet mit Zahlen auf, die einen verwundert die Augen reiben lassen. Laut Wikileaks wird sogar in Saudi Arabien hinter verschlossenen Türen und Jalousien getrunken was das Zeug hält. Das Mullah Regime im Iran ließ verlauten, dass jährlich 60 Millionen Liter alkoholische Getränke in ihrem Land konsumiert werden. Hoppla, wer hätte das gedacht. Da fragt man sich dann auch ganz nebenbei, wie es mit dem Schweinefleisch aussieht.

14 Zwischendurchdrinks

Und damit das Ganze nicht zu trocken abläuft hat er noch  14 „Drinks für zwischendurch“ mit eingebunden. Vom „Harvey Wallbanger“ bis  zum „Absinth Suisesse“ erfährt man alles über die Geschichte des jeweiligen Mixgetränkes und deren Zubereitung. Natürlich kommt auch zur Sprache, dass Alkohol ein sehr ambivalentes Thema ist. Dass es sowohl Befürworter als auch heftige Gegner gibt. Aber letztlich bricht Reckewitz eine Lanze für einen maß- und genussvollen Umgang mit dem Alkohol indem er meint. Dass es keinen Grund gäbe, die Kunst der Trunkenheit den Aposteln der Nüchternheit preiszugeben. Dazu habe man zu lange dran gearbeitet. Dazu sei sie zu wertvoll. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Fazit:

Dieses Büchlein ist wärmstens zu empfehlen. Egal ob man dazu einen der Zwischendurchdrinks zu sich nimmt oder nicht.
 
Horst Kröber; Buchfoto: PR
 
Marcus Reckewitz
„Über die Kunst der Trunkenheit“
Anaconda Verlag
ISBN 978-3-7306-0392-5
7,95 €
 

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