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Weine verkosten – Das Sensorik Seminar

ein Fachbuch für Weinbewertungen, wie für sehr kritische Genießer, die es wagen wollen

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Von Dieter Simon  ·   15 November 2017   ·   115  
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„Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“. Dieses Goethe Zitat aus Faust kam mir spontan in den Sinn bei der Rezension von „Weine verkosten“ der beiden Autoren Hermann Mengler und Stefan Kraus. Ein Sensorik Seminar für Experten und Genießer heißt es im Untertitel. Da sind wir dann auch schon bei dem eigentlichen Zwiespalt. Wenn man den Untertitel wörtlich nimmt heißt es, dass Genießer keine Experten und Experten keine Genießer sind. Aber für wen ist dann dieses Buch gedacht? Was und wen will man damit erreichen? Soll es ein Fachbuch sein, oder möchte es ganz „normalen“ Weingenießern die Sensorik näher bringen? Um das Fazit vorwegzunehmen: Wer ein Fachbuch mit einer kühlen, statischen Bestandsaufnahme über den Stand der heutigen sensorischen Erkenntnisse erwartet, kommt mit diesem Buch sicherlich auf seine Kosten.
 
Ich tendiere nach der Lektüre eher zu dem Begriff Fachbuch, da die gesamten Ausführungen sehr fachspezifisch, wissenschaftlich und biochemisch abgefasst sind. Allein die Tatsache, dass fast die Hälfte des Buches (ca. 70 Seiten) der Rubrik Weinfehler gewidmet ist, würde jeden Laien schon davon abhalten, sich überhaupt mit Wein zu beschäftigen.
 
„Genießen Sie bewusst und fassen Sie Geschmack in Worte“, ist auf der Rückseite des Covers zu lesen. Aber Genuss und genießen ist doch mehr als analysieren und sezieren. Genuss und Genießen spricht andere Sinne an als nur den Verstand. Sinnlichkeit, Neugier, Lust, Selbsterfahrung, Erlebenwollen stehen hierbei im Vordergrund. Wein besteht aus mehr als nur aus seinen Einzelteilen. Wein ist Lebensgefühl und Lebensqualität. Aber nichts von dem vermittelt dieses Buch. Deshalb dürfte das Buch für Laien eher abschreckend als motivierend sein und das Mysterium Wein noch mehr in die Ecke des „Geheimnisvoll-Unergründlichen“ stecken. Lust auf ein unvoreingenommenes Herangehen macht es nicht.
 
Also doch ein Fachbuch. Zumindest eines, dass mehr als nur diverse Vorkenntnisse über Weinchemie und -analyse voraussetzt. Wenn man es so betrachtet, ist dieses Buch gar nicht mal schlecht:
 
175 Seiten geballtes Fachwissen
teilen die beiden Autoren in 3 Schwerpunkte ein.
Grundlagen der Sensorik
Weinfehler
Sensorische Standards
 
Im ersten Kapitel wird angesprochen, wie Geruchs- und Geschmackssinne funktionieren, und wie man sie trainieren kann. Das Aromarad wird genauso thematisiert wie die objektive Beurteilung. Auch das Gebiet der Weinchemie, das sich wie ein roter Faden durch dieses Buch zieht, wird nicht außen vorgelassen. Ob man dem Thema Weinfehler so viel Raum hätte geben sollen, stelle ich einmal in Frage. Diese sind doch bei dem heutigen Wissen und der modernen Kellertechnik eher die Ausnahmen. Und Ausnahmen sollte man nicht die Hälfte des Buches widmen. Bei vielen solcher Fehler würde ich dazu neigen eher, ein anerkanntes Labor oder Fachleute zu Rate zu ziehen als mich in Selbstversuchen zu üben. Und für alle, die sich beruflich mit Wein beschäftigen, steht das Thema  „Weinfehler-Ursache-Abhilfe“ sicherlich im Lehrplan.
 
Sensorische Standards
Deutlich mehr Spaß macht das Kapitel „Sensorische Standards“. Hier wird anhand von praktischen Tipps und Beispielen aufgezeigt, wie man die theoretischen Kenntnisse in die Praxis umsetzen kann, und wie man entsprechende Test vorbereitet und durchführt - alles sehr akribisch und professionell, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und eigenen Erfahrungen. Unterstützt wird dies durch zahlreiche, meist farbige Tabellen, Grafiken und Diagramme. Das darauffolgende Kapitel „Verbalisieren von Geschmackseindrücken“ beschränkt sich leider nur auf das schon allseits bekannte, gängige Vokabular und lässt  keine Ausfallschritte  zur Gefühlsebene zu.
 
Fazit:
Dieses Buch verlangt mehr als nur diverse Vorkenntnisse. Es stellt eine gute Verbindung von der Theorie zur Praxis her. Sicherlich kann es bei der einen oder anderen Gelegenheit auch als profundes Nachschlagewerk benutzt werden. Durch seinen praxisnahen Bezug hebt es sich von vielen diesbezüglichen Fachbüchern wohltuend ab. Wer gehofft hat, dass Wein-Sensorik auch mit einem Hauch von Sinnlichkeit verbunden ist, und  Wein mehr als nur ein zu analysierendes Getränk ist, wird sicherlich etwas enttäuscht sein. Wer jedoch eine kühle, statische Bestandsaufnahme über den Stand der heutigen sensorischen Erkenntnisse erwartet hat, kommt mit diesem Buch sicherlich auf seine Kosten.
 
Rezension: Horst Kröber; Coverfoto: PR Verlag
 
Weine verkosten - Das Sensorik Seminar
von Hermann Mengler und Stefan Kraus
Verlag Eugen Ulmer 2017
gebundene Ausgabe, 176 Seiten
ISBN: 978-3-8001-0325-6
29.90 Euro
 
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