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Entdeckt die „Möselchen“ um 1900 wieder:

Philipp Kettern – durch Dirk van der Niepoort

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Von Dieter Simon  1994  
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Entdeckt die „Möselchen“ um 1900 wieder:Entdeckt die „Möselchen“ um 1900 wieder:

Einst zählten sie zu den teuersten Weinen der Welt, die leichten „Möselchen“. Doch wo sind sie geblieben? Philipp Kettern, Junior im Weingut Lothar Kettern in Piesport, bringt sie wieder und dies in allerbester Qualität. 

Nur 11% und doch ein Wein von hoher Qualität, ganz eigenem Charakter und gut sechs bis acht Jahren Zukunft, die Redaktionsentdeckung 2013 Piesporter Riesling trocken vom Weingut Kettern. In der Nase reife Zitronen, Nektarinen, Zitronat, Biskuit; auf der Zunge virulent, süffig mit viel Rückgrat; im Finish nochmals viel sympathischer „eigenbrödlerischer“ Charakter mit Freude auf den nächsten Schluck. Der Tropfen weist vielversprechende neue Wege: leicht, beste Qualität, eigenes Profil. Kein Allerwelt-Mainstream-Wein! Da muss man 91 Punkte geben (in der bonvinitas-Kategorie 1, bis 12%, grüne Punkte).

Steillagen in PiesportSteillagen in Piesport

Der Weg von Junior Philipp Kettern verlief zunächst ganz normal: Weinbautechnikerschule in Bad Kreuznach und dann zurück in den elterlichen Betrieb. Man schrieb das Jahr 2008. Doch dann passierte es. Die Eltern sandten ihn auf eine Präsentationsreise in die Karibik auf die British Virgin Islands. Nun folge ich weitgehend seiner eigenen Erzählung: 

Auf diesen Veranstaltungen, lernte ich den international prominenten portugiesischen Winzer Dirk van der Niepoort kennen und wurde auf ihn aufmerksam, weil er alles anders machte. Das beeindruckte mich so sehr, dass ich dachte: „Den Typ musst du näher kennen lernen“. So fragte ich ihn eines Abends, wer er sei, und was er macht. Dabei erzählte er mir, seine große Leidenschaft sei die Mosel mit ihren Weinen (durch seine deutsche Mutter spricht Dirk van der Niepoort fließend Deutsch – Anmerkung der Redaktion). Ich präsentierte ihm unsere Weine. Das Urteil fiel nicht sehr gut aus. Dirk sagt gerne, was er denkt, und so auch in meinem Fall. Dies traf mich tief, denn ich dachte immer, dass wir guten Wein machten. Ich wollte es zunächst nicht glauben und nervte ihn nachhaltig, was denn anders sein solle. Irgendwie wurde ich lästig, und er sagte: “Wenn du lernen willst, wie man guten Wein macht, dann besuche mich in Portugal.“

Nach drei Tagen zurück in Deutschland lag ein One Way Ticket nach Porto im Briefkasten, Absender: Dirk van der Niepoort. Wiederum drei Tage später war ich in Porto. Der Anfang des Umdenkens in Bezug auf meine Weine war: zu fett, zu mächtig, die Primärfrucht zu massig und viel zu wenig Säure. Dirk präsentierte mir Weine im alten Moselstil: leicht, elegant, feine Weine, das, was die Mosel ausmacht. Er zeigte mir auch alte Burgunder, filigran und nicht schwer, um mir ein Bewusstsein zu verschaffen, was große Weine ausmacht. Er wollte mir meine eigene Region zu verstehen geben, und warum die „Möselchen“ um 1900 so gefragt waren. Im Prinzip sollte jeder Moselwein ein bisschen Kabinett sein, und ich sollte den alten Moselstil entdecken.

  • Etikett Wilhelmshof
  • Etikett Bozen
  • Etikett Schales
Dirk gab es mir am Ende so zu verstehen: „Letzte Woche war ich auf einem Konzert von Eric Clapton. Zunächst trat eine Vorband auf. Die zappelte auf der Bühne herum und machte keine schlechte Musik, doch als Eric Clapton kam und einen Akkord auf der Gitarre spielte, schmolzen alle dahin.“ Ich fragte, was das mit mir zu tun habe? Seine Antwort: “Zappele nicht so viel herum, mach gescheiten Wein.“ So schickte er mich nach einem Monat nach Hause.

Also änderten wir 2011 unseren ganzen Betrieb. Wir tauschten alle unsere Flachlagen in Steillagen. Denn richtiger Mosel-Riesling wächst auf Schiefer. Wir gehen heute zwei Wochen früher lesen, um nicht so mächtige Weine zu bekommen. Wir schützen die Weine im Moststadium nicht mit Schwefel, so dass wir diesen Sauvignon Blanc Charakter bekommen. Wir wechselten größtenteils vom Edelstahlausbau auf Fuder (1000 Liter Holzfass). Die Weine sind komplett spontan vergoren mit Verzicht auf jeden menschlichen Einfluss, und wir lassen die Weine lange auf der Hefe reifen. Wir bringen sie erst Ende September des Folgejahres auf den Markt, manche erst nach mehreren Jahren, wenn sie ihre optimale Trinkreife erreicht haben, denn wir lassen ihnen die Zeit, die sie brauchen, um sich zu entwickeln. 2011 tauschten wir nahezu alle Kunden aus, da wir bei diesem Vorgehen und dieser Qualität die Preise fast verdoppeln mussten. Doch wir wurden von anderen, auch von der Presse, entdeckt und haben schon viel Anerkennung erfahren. 

  • Vivani Schokolade

Ich habe Dirk viel zu verdanken, er veränderte mein Leben. Die Tausenden von Kilometern und vielen Stunden, die wir im Auto verbrachten, und Gespräche über das Leben führten, haben mich geprägt und zu dem gemacht, der ich heute bin. Unser neuer Wein „Fio“ übersetzt, der rote Faden, ist der Beweis, wie sehr wir uns ähnlich sind. Wir begreifen „Fio“ als den Faden, der sich durch unser beider Leben zieht und zeigt, in welche Richtung es gehen soll, nur mit dem Unterschied, dass Dirk die meisten Dinge 20 Jahre früher durchlebt hat. Mittlerweile sind wir wie zu einer Familie zusammen gewachsen und lernen beide durch lebhaften Austausch. Das Ergebnis ist: Wir produzieren heute die Weine eleganter und filigraner als jemals zuvor. Ein großer Dank gilt auch meinen Eltern, die mich, wenn auch nicht immer glücklich, dennoch unterstützt haben und mich meinen Weg haben gehen lassen. 

Text: Dieter Simon, Chefredakteur bonvinitas. 

 
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Fotos: Flaschenbild bonvinitas, überige PR


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