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Weinspiel

Muscaris und Co.

Freiburger PiWis in der ganzen Welt verbreitet

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Von Horst Kröber  4286  
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Gehört zu den Freiburger Neuzüchtungen pilzwiderstandsfähiger Weintrauben, so genannte PiWis: Muscaris.Gehört zu den Freiburger Neuzüchtungen pilzwiderstandsfähiger Weintrauben, so genannte PiWis: Muscaris.

Im Weinbau ist der Pflanzenschutz eines der wichtigsten Themen und dies nicht nur wegen dem hohen Arbeits- und Kostenaufwand, sondern auch wegen der Unberechenbarkeit bezüglich Infektion und Krankheitsverlauf. Jahr für Jahr wird der Winzer durch die sich ständig ändernde Witterungsverläufe vor neue Herausforderungen gestellt. 

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Nicht selten passiert es, dass pflanzenschützende Maßnahmen nicht rechtzeitig erfolgen, oder arbeitstechnisch bedingt nicht durchgeführt werden können. Die Folge davon ist, dass es zu erheblichen Ertragsminderungen oder stark beeinträchtigtem Lesegut kommen kann. Besonders die Pilzkrankheiten spielen hierbei eine wichtige Rolle. Dem gilt es entgegen zu wirken. Das Staatliche Weinbauinstitut (WBI) Freiburg widmet sich seit rund 80 Jahren mit hoher Intensität der Züchtung von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten (PiWis). Mit inzwischen 15 verschiedenen Keltertrauben- und 4 Tafeltraubensorten die inzwischen in 25 Ländern von Norwegen bis Italien und außerhalb Europas auf über 3000 ha angebaut werden hat das WBI in Freiburg im Vergleich mit anderen Instituten im In- und Ausland eine Sonderstellung eingenommen. Beim Anbau von PiWis werden die Häufigkeit und die Intensität des Rebschutzmitteleinsatzes erheblich reduziert. Standort- und jahrgangsabhängig kann auch vollständig auf die Bekämpfung der Pilzkrankheiten Peronospora und Oidium verzichtet werden. Im Sinne der Verbesserung der Nachhaltigkeit wird durch die Ergebnisse der Resistenzzüchtung des Staatlichen Weinbauinstituts Freiburg ein wichtiger Beitrag zum Schutz der Anwender und des Naturhaushaltes ermöglicht. Basis und Grundlage für diese erfolgreiche Züchtungsarbeit waren 26 sogenannte Hybridkreuzungen die in Frankreich in den 1920er und 1930er Jahren auf einer Fläche von 300.000 ha im Anbau waren. Diese vermeintlich aussichtsreichen Elternsorten waren so etwas wie das Startkapital des WBI Freiburg. Mit ihnen begann man 1930 auf 50 ha mit der Züchtung. Ziel: Die Züchtung von Rebsorten die sowohl widerstandsfähig sind gegen den echten als auch falschen Mehltau und aus denen sich letztlich Weine erzeugen lassen die über ausgezeichnete Qualitäten verfügen. Während sich vor allem ab den 1950er Jahren schnell erste Erfolge bezüglich Widerstandsfähigkeit zeigten, ging es beim Thema Weinqualität nicht entscheidend voran. Weitere 10 Jahre gingen ins Land bevor man dann mit Kreuzungskombinationen aus Riesling Gutedel und Sylvaner als Muttersorten und den resistenten Partnern erste positive Ergebnisse hinsichtlich Weinqualität erzielen konnte. Mit der Neuzüchtung Merzling war die erste in Deutschland gelungene Kombination zwischen relativ hoher Pilzwiderstandsfähigkeit und guter Weinqualität geboren. Der sollten in den nächsten Jahren weitere folgen.

Dr. Volker Jörger, Staatliches Weinbauinstitut Freiburg, Abteilung Weinbau, Leiter der Züchtungen; rechts bei einer Führung.Dr. Volker Jörger, Staatliches Weinbauinstitut Freiburg, Abteilung Weinbau, Leiter der Züchtungen; rechts bei einer Führung.

Neben der Weißweinsorte Merzling und konnte auch die Sorte Johanniter als zugelassene Sorten angebaut werden. Dieses Ergebnis war auf eine jährliche Prüfung von 10.-20.000 Sämlingspflanzen unter Gewächshausbedingungen auf ihrer Resistenzeigenschaften gegen Falschen (Peronospora) und Echten Mehltau (Oidium) seit dem Jahr 1950 zurückzuführen. In den zurückliegenden etwa 50 Jahren wurden rund 50.000 Sämlingspflanzen mit ausreichenden Resistenzeigenschaften unter Freilandbedingungen auf ihre weinbaulichen Eigenschaften sowie die Qualität der erzielten Weine geprüft. Unter Nutzung einer großen Zahl verschiedener, qualitativ ansprechender Hybridsorten überwiegend französischer Herkunft, einer Vielzahl von Wildarten und von resistenten Züchtungspopulationen osteuropäischer und asiatischer Herkunft ist es gelungen, die Weinqualität der verfügbaren pilzwiderstandsfähigen Neuzüchtungen und Zuchtstämme auf ein Niveau zu steigern, welches sich von der Weinqualität der traditionellen Qualitätsweinsorten europäischer Herkunft im wesentlichen nicht mehr unterscheidet. Dies konnte durch zahlreiche Schritte der Rückkreuzung mit traditionellen Qualitätsweinsorten europäischer Herkunft über die vergangenen Jahrzehnte erreicht werden. Über Jahre hinweg zieht sich der Prozess der Züchtung wie die folgenden Zeilen deutlich zeigen. Oft hat man mit herben Rückschlägen zu kämpfen und nur wenige Pflanzen schaffen es in den erlauchten Kreis der Vermehrung aufgenommen zu werden. Alles beginnt mit dem Kreuzungsprogramm.

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Durch Kastrieren von pilzanfälligen Rebsorten mit ausgewählt hoher Weinqualität und geringem Verwandtschaftsgrad zu den bereits vorhandenen Trägern von Weinqualität und Resistenz werden jährlich ca. 1.300 Gescheine (Trauben vor der Blüte) für die Bestäubung vorbereitet. Durch Verwendung verschiedenster pilzwiderstandsfähiger Rebsorten werden pro Jahr daraus bis zu 80 Kreuzungskombinationen hergestellt. Durchschnittlich entstehen hieraus nach Ende der Vegetationsperiode ca. 8.000 - 25.000 Kerne der verschiedenen Kreuzungskombinationen. Diese werden vor der Jahreswende gesät und der Kälte ausgesetzt. Mitte März des Folgejahres werden die Saatkisten bei ca. 25° C im Gewächshaus zum Keimen gebracht. Nach ca. 3 Wochen werden die entstandenen Sämlinge pikiert und bis zum 4-6 Blattstadium weiter kultiviert. Nach Erreichen des entsprechenden Blattstadiums beginnt die Test auf Peronosporaresistenz bei 26° C und 16 Niederschlagsereignissen pro Tag für die Dauer von 6 Wochen. Die Pflanzen, welche Peronospora in dieser Zeit des Biotests nicht vermehrt haben, werden anschließend für weitere 6 Wochen auf ihre Resistenz gegen Oidium geprüft. Hierzu werden sie zusammen mit von Oidium befallenen Müller- Thurgau-Reben kultiviert und einmal täglich einem 3- bis 5-minütigen Starkregen ausgesetzt. Danach wird durch Nutzung von Heizung und Öffnen der Gewächshausstellscheiben eine Luftfeuchte von ca. 60-75% für mehrere Stunden pro Tag eingestellt. Auch hier werden die Pflanzen, die Oidium vermehrt haben, verworfen. Die gegen beide Rebkrankheiten ausreichende Resistenz aufweisenden Pflanzen werden zur Holzausreife im Gewächshaus belassen, über Winter im Freiland einschlagen und im kommenden Frühjahr wurzelecht im Sämlingsfeld aufgepflanzt.

Links: Blütenstand einer Weinrebe (ist nur wenige cm lang). Rechts: Minutiöse Weinlese.Links: Blütenstand einer Weinrebe (ist nur wenige cm lang). Rechts: Minutiöse Weinlese.

In der nun folgenden Sämlings- und Zuchtstammprüfung werden durch regelmäßig wiederholte Bonituren über 3 bis 7 Jahre aus den Sämlingsfeldern die aussichtsreichsten Pflanzen für Keltertraubensorten ausgewählt. Hierzu wird neben der Resistenzleistung auch die Weinqualität durch einmaligen Ausbau im Kleinstversuch von etwa 0,5 l getestet. Befriedigen die Resistenzleistungen und die Weinqualität, wird über die Vermehrung auf 12 Pflanzen der Sämling zum Zuchtstamm. Die Zuchtstämme zur Keltertraubenprüfung werden über 5 bis 8 Jahre regelmäßig auf ihre weinbaulichen und kellerwirtschaftlichen Eigenschaften und die Resistenzeigenschaften bonitiert und 3 bis 5 mal im Versuchskellerniveau von ca. 10-25 l ausgebaut um die Weinqualität und Marktmöglichkeiten zu prüfen. Bei aussichtsreichen Zuchtstämmen wird im Anschluss eine Vermehrung vorgenommen, um die Zuchtstämme an mehreren Standorten gleichzeitig weiter zu prüfen. Über den Zeitraum von 15-20 Jahren entstehen somit bis zu 15 Kleinweinausbauten für die vergleichende Prüfung mit Weinen aus pilzanfälligen Standardrebsorten und anderen pilzwiderstandsfähigen Rebsorten. Aussichtsreiche Zuchtstämme können somit nach frühestens etwa 20-25 Jahren der Praxis für Testung unter Betriebsbedingungen in den verschiedenen Anbaugebieten angeboten werden.

Aber wie sieht die Prüfung pilzwiderstandsfähiger Sorten in den Praxisbetrieben aus? Zahlreiche jährlich stattfindende Verkostungen informieren die Weinbaupraxis über die verfügbaren pilzwiderstandsfähigen Sorten und Neuentwicklungen im Bereich von pilzwiderstandsfähigen Zuchtstämmen. Auf diese Weise wird das Interesse für den Versuchsanbau mit neuen Zuchtstämmen geweckt. Versuchspflanzungen werden in der Regel vergleichend zu pilzanfälligen Standardrebsorten oder klassifizierten pilzwiderstandsfähigen Rebsorten angelegt. Die Versuchsansteller liefern über die Versuchsjahre hinweg einen Bewertungsbogen für das Sortenverhalten und die Erntedaten (Kilogramm, Öchsle und Säure), sowie einen separaten Weinausbau von Prüf- und Vergleichssorte für weitergehende Verkostungen. Die Daten der jeweils ersten vergleichenden Anbaueignungsprüfungen werden für den Sortenschutz und die eventuelle Klassifizierung der Sorten in den jeweiligen Anbaugebieten genutzt. Darüber hinaus gehende Datenerhebungen werden vom Züchter zentral ausgewertet, um die Leistungsfähigkeit im Resistenzverhalten gegenüber Peronospora und Oidium für die Sorten unter unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen, in verschiedenen Anbaugebieten und verschiedenen Anbaubedingungen zu charakterisieren.

Das alles bringt Züchtern und Winzern relativ wenig, wenn der Markt nicht mitspielt. Deshalb ist die Weinbewertung und Vermarktung von existenzieller Bedeutung. Deshalb führt das WBI über die Bewertungen im Rahmen der Anbaueignungsprüfung und des Sortenschutzes sowie über die Verkostungen zur Information von Winzern aus verschiedensten Regionen hinaus jährlich einen Wettbewerb „Best of Freiburger PiWis“ durch, in dem die ausbauenden Betriebe ihre hergestellten und am Markt angebotenen Weine aus den Freiburger PiWis zur vergleichenden Bewertung anstellen können. Hier werden aktuell jährlich ca. 130-160 Weine von 70 bis 80 vermarktenden Betrieben verschiedener Länder in den Wettbewerb gegeben. Diese vergleichende Leistungsshow gibt den ausbauenden Betrieben sowie Weinanbauern und auch Weinkunden die Möglichkeit, verschiedene Weinstile der verfügbaren pilzwiderstandsfähigen Rebsorten aus zahlreichen Anbaugebieten kennen zu lernen. Darüber hinaus sind zwischenzeitlich zahlreiche Weine aus den zur Verfügung stehenden Sorten in Landes- und Bundesweinprämierungen sowie in anderen Wettbewerben erfolgreich ausgezeichnet worden.

Ebenso neugieriges wie strenges Bewerten der Weine.Ebenso neugieriges wie strenges Bewerten der Weine.

Bei allen Vorteilen, die die Neuzüchtungen haben weiß man beim Freiburger WBI wie schwierig es ist, diese Sorte zu etablieren. Am Geschmack alleine kann es nicht liegen, denn Blindverkostungen haben gezeigt, dass sich die Weine aus PiWis was die Qualität betrifft nicht hinter der der Standartsorten zu verstecken brauchen. Weitaus schwieriger ist es, dem Verbraucher, der auf Altbekanntes und -bewährtes setzt, zu verdeutlichen, dass es eine Alternative gibt. Deshalb sind viele Winzer was den Anbau von PiWis angeht, wegen der schlechten Marktpräferenzen bisher noch sehr zurückhaltend. Hier braucht es einen langen Atem und viel Überzeugungsarbeit.

Da ich als unabhängiger Juror bei diesen Blindverkostungen teilnehmen darf, möchte ich nachfolgend ein paar der von mir verkosteten Weine näher beschreiben:

Der Autor, Horst Kröber, hintere Reihe Zweiter von rechts, bei einer Bewertung und Fachdiskussion im Staatlichen Weinbauinstitut, Freiburg.Der Autor, Horst Kröber, hintere Reihe Zweiter von rechts, bei einer Bewertung und Fachdiskussion im Staatlichen Weinbauinstitut, Freiburg.

2012er Muscaris Kabinett lieblich

Klar, hell, fruchtig und verspielt. Man will finden und ergründen und verliert sich am Ende doch im Träumen. Das schönste an diesem Wein ist sein Geheimnis. Diese zarte Frucht, die so viel offenbart ohne alles zu zeigen. Zart und schmeichelnd der Duft nach Holunderblüte Rosen und ein Hauch frisch aufblühende Hyazinthen. Ein wahrer Dufthimmel, fast möchte man das Glas leer riechen. In seinem Geschmack sind Frühling und der Vorsommer eingefangen. Wie der Biss in eine vollreife Traube, saftig, fruchtig. Fruchtaromen, Säurespiel, Süße und Alkohol in perfekter Harmonie. Dazu gesellen sich frische Zitrusaromen und eine dezente Mineralität. Des Trinken Wollens kein Ende. Ein richtiger Verführerwein und wer von uns lässt sich nicht gerne verführen. Werden wir doch wieder wie die Kinder und begeben uns auf eine Weinentdeckungsreise. Wir breiten die Arme aus und plötzlich können wir wieder fliegen.

2011er Souvignier gris Spätlese trocken

Ein Wein wie ein Buch. Spannend, ohne direkt mit der Tür ins Haus zu fallen. Dezent im Duft. Ausdruckskraft ohne gleich zu dick aufzutragen. Sprachwitz ohne zotig zu wirken. Ein Wein-Buch, welches man in einem Rutsch runterlesen kann und will, weil es einen nicht los lässt. Hinter seinem kühlen Blick der Leidenschaft, verbirgt sich ein weicher, saftiger Kern von reifer Säure und einer dezenten Fruchtsüße. Schöne erdige Nuancen nach Laub und etwas Unterholz verbunden mit einer frischen Schärfe nach schwarzem Pfeffer wetteifern mit Fruchtelementen von Banane, Kumquat und Birne sowie nussigen fast trüffeligen Komponenten. Ein Wein zum Diskutieren und Fabulieren. Ein wohltuender, in sich geschlossener Wein, der einem das Gefühl von Sicherheit,Vertrautheit und Verlässlichkeit vermittelt. Man hat das Gefühl wenn man ihn trinkt die Welt ein klein wenig zum Besseren verändern zu können. Zumindest für einen kleinen Moment.

2011er Baron trocken 15 Monate im Barrique

Obwohl der Wein 15 Monate im Barrique gelegen hat, stehen die Holznoten nicht im Vordergrund sondern fügen sich angenehm in das harmonische Duft- und Geschmacksbild ein. Der Duft ist dunkel, leicht rauchig, wenig Kirscharomen, eher Holunderbeeren, Cassis, Rosmarin, Unterholz, Trockenpflaumen und einer ganz leichten, interessanten Note nach Lorbeer, Sojasoße. Sehr vielfältig und abwechslungsreich sein Geschmack. Dicht und füllig, voller Kraft .Ein Animateur der ständig Neues aus seiner Wundertüte zaubert. Er fängt mit rauchiger Schwarzkirsche an, geht über zu Schlehen, Dörrpflaumen und Hagebutte. Dann folgen leicht stahlig-würzige Komponenten wie Thymian, Wacholder, schwarzer Pfeffer und Lorbeer. Sogar eine leicht nach Räucherspeck schmeckende Komponente lässt sich ausmachen. Mir einem langen Abgang verabschiedet er sich. Eine überaus gelungene Vorstellung.

Freiburger PiWis Weißweinsorten:
Merzling, Johanniter, Helios, Solaris, Bronner, Souvignier gris, Muscaris.

Freiburger PiWis Rotweinsorten:
Baron, Monarch, Prior, Cabernet Cortis, Cabernet Carol, Cabernet Carbon, Cabernet Cantor

Infos unter: www.wbi-bw.de

Schlagwörter:

Fotos: Staatliches Weinbauinstitut, Freiburg i.Br.


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