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Mit Wein Staat machen, vergnügliches Buch von Knut Bergmann

Wein als Mittelpunkt deutscher Kulturgeschichte - eine kenntnisreiche Perspektive

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Mit Wein Staat machen, vergnügliches Buch von Knut BergmannMit Wein Staat machen, vergnügliches Buch von Knut Bergmann
Altbundespräsident Theodor Heuss, als Weinliebhaber bekannt, sagte einmal, dass er für das Schreiben einer Rede 3 Flaschen Wein gebraucht habe. Von Bismarck ist die Aussage überliefert „Deutscher Wein ist doch mein bester Botschafter“.
 
Aber wie war es wirklich, das Verhältnis Wein und Politik, Wein und Politiker? Welche Rolle spielte der Wein im politischen Geschehen in Deutschland? Antworten darauf findet man in dem Buch „Mit Wein Staat machen“ von Knut Bergmann. Seine Sichtweise und teilweise Analyse beleuchtet auf unkonventionelle und originelle Art und Weise, die Verflechtung von Wein und Staat, Protokoll und Politik. Kulturgeschichte einmal anders, aus einem völlig neuen Blickwinkel. Hierbei erweist sich Bergmann aufgrund seiner Vita als profunder Kenner der Materie. Er studierte politische Wissenschaften, Psychologie und Öffentliches Recht in Bonn, arbeitete für Sabine Christiansen und schrieb Reden für den Bundestagspräsidenten. Seit 2012 lehrt er an der Freien Universität Berlin und ist für ein Wirtschaftsforschungsunternehmen tätig. So verrät denn auch sein Schreibstil aus welchem „Stall“ er kommt. Selten habe ich ein Buch gelesen, dass so gespickt ist mit Daten, Fakten und Zahlen, manchmal so trocken wie der ausgeschenkte Wein, und sich trotzdem durch kleine witzige Geschichten und Anekdoten so unterhaltsam liest. Natürlich muss man sich ein wenig mit den Schachtelsätzen vertraut machen und mit einigen, wie ich finde, vermeidbaren Fremdwörtern wie: Exponentiell statt herausgehoben, juvenil statt jugendlich, Idiosynkrasie statt Überempfindlichkeit, Antagonismus statt Gegensatz, instruiert statt unterstellt, Connaisseur statt Kenner, kongruieren statt übereinstimmen.

Schmunzeln, Staunen,  erfahren

Darüber lässt sich allerdings leicht hinweg lesen und schmälert die Leselust nicht wirklich. Bergmanns  Recherchearbeit zeugt von Fleiß und Ehrgeiz. Ermöglichen sie dem Leser doch, einen tiefen Blick auf Teller, in Gläser und hinter die Kulissen der Staatsbankette  der deutschen Vor- und Nachkriegszeit zu werfen. Wein als Statussymbol. Mehr als einmal entlockten mir Bergmanns Enthüllungen ein erstauntes „Was?“ oder „Das gibt’s doch gar nicht“. Genauso oft aber auch ein Schmunzeln über sehr viele neue aufschlussreiche sowie amüsante Details. In 25 Kapiteln vom Aperitif bis zum Digestif lässt er den Leser teilhaben am staatstragenden Gebaren, deckt Pleiten ,Pech und Pannen auf  und legt Vorlieben diverser Staatsmänner bezüglich Umgang mit Wein und Speisen bloß. Dabei kommt er nicht umhin manchmal selbst, vor allem am Schluss des Buches ein wenig konstruktive Kritik zu üben. Seine Recherchen reichen bis in die Kaiserzeit.

Dort wurde Riesling bei Staatsempfängen ausgeschenkt, denn Rieslinge von Rhein und Mosel  waren zu dieser Zeit der Inbegriff eines guten Weißweins. So führte denn auch Kaiser Wilhelm II. das aufwendigste Hofleben in Europa. Damals galt ein gefüllter und gut sortierter Weinkeller als Prestigeobjekt. Anders in der Weimarer Republik. Dort war Sparsamkeit angesichts der wirtschaftlichen Lage angesagt. Mäßigung lautete das Gebot der Stunde. Deftige Anekdoten aus der NS Zeit halten den politischen „Führern“ den Spiegel vor. So wirft die Aussage von Hjalmar Schacht (seinerzeit NS Wirtschaftsminister) anlässlich der Nürnberger Prozesse: „Nur eins, das möchte ich um gerecht zu sein sagen, hatten die  meisten Führer der Partei mit den alten Germanen  gemeinsam: Sie tranken immer noch eins.“

Weine, Kanzler, Präsidenten

Sehr vielsagend. Ausflüge in die frühe Bonner Republik geben Aufschlüsse über die Wertbezogenheit deutscher Weine bei Staatsbanketten. Je nachdem um welche Personen es sich handelte wurden die Weine ausgesucht. Während beim Weißwein deutsche Produkte bevorzugt wurden war der Rotweinbereich deutlich in französischer Hand, da deutsche Rotweine zu dieser Zeit keinen guten Ruf genossen. Bergmann wartet hierbei mit vielen Interna auf. Stellt nach Auswertungen von diversen Recherchen und Menükarten Statistiken auf, die belegen wann, wo, welcher Wein ausgeschenkt und welches Essen gereicht wurde. Das lässt oft tiefe Einblicke  in die Person des zu der Zeit amtierenden Kanzlers oder Präsidenten zu. So erfährt der Leser dass es bei Bundespräsident Karl Carsten eher schlechte Weine gab. Dass der Besuch von Papst Paul 1980 mit 20 Mio. DM zu Buche schlug. Wobei der Durchschnitt bei solchen Empfängen mit 800.000 DM veranschlagt wurde. Bei Bundespräsident Richard von Weizsäcker erschienen erstmals die Weingüter auf den Menükarten und es wurden fast ausschließlich deutsche Weine, bevorzugt von VDP Betrieben, ausgeschenkt. Auch die Lokalitäten in denen die Empfänge stattfanden werden von Bergmann beleuchtet. So findet denn die 40m lange Wärmebrücke auf Schloss Augustusburg genauso Erwähnung wie die über lange Zeit „falschen“ dickwandigen Kristallgläser für die entsprechenden Weine.

Pleiten, Pech und Pannen

Schadenfreude genießt der Leser wenn er erfährt, dass sich der ehemalige US Präsident Georg Bush bei einem Staatsempfang vor laufender Kamera übergeben musste oder der  kurzzeitige Bundespräsident Wulff bei seinem Staatsbesuch in Russland einen Regenwurm im Salat entdeckte und es per Bild twitterte. Peinlich war es sicherlich auch als am deutschen Stand bei der Grünen Woche in Berlin französischer Wein ausgeschenkt wurde. Ob peinlich oder nicht aber zumindest seltsam mutet an, dass Helmut Kohl, dem man bekanntlich eine „Saumagendiplomatie“ nachsagte, Mitterand Hausmacherwurst und Pfälzer Wein und Israels Staatschef Rabin wöchentlich eine Kiste Weizenbier schickte. Dass man Gorbatschow als „Mineralsekretär“ bezeichnete oder Sarah Wagenknecht beim Hummeressen erwischte, gehen dafür nur als Randnotiz durch.

Teuerste Party schwarz-gelb

Entlarvend wiederum dürfte eine Episode aus dem Jahre 2009 sein, die sich bei der Feier zum Abschluss der schwarz gelben Koalitionsverhandlungen in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung zugetragen hat. Dort fand ein Abendessen statt bei dem die anwesenden 45 Personen 75 Flaschen Wein leerten. Leider befand sich darunter kein deutscher. Angeprangert wurde dieses Gelage als  spätrömisch dekadent und ging mit Kosten von 6.417,67 Euro als „Teuerste Party der schwarz gelben Koalition“ durch die Presselandschaft.  

Trinkgewohnheiten

Bergmann versteht es auf vorzügliche Art und Weise Zeitgeschehen, Personen und Wein in Verbindung zu bringen. Er tut dies auf „nüchterne“ sachliche Art und Weise, wenn es um Daten und Fakten geht. Doch genauso wichtig sind die kleinen Begebenheiten außerhalb, daneben oder zwischendurch. Sie lockern das Ganze auf, bringen einem die Protagonisten näher, indem sie selbigen den Spiegel vorhalten. So erfährt man, wie gesagt nebenbei, dass Bundeskanzler Helmut Schmitt eher spartanisch bei Essen und Trinken war, Bundespräsident Steinmeier genauso ein passionierter Biertrinker ist wie es Johannes Rau war. Dass der Schrödersche offizielle Weinausschank keinen Grund zur Beanstandung gab und sich durchweg auf deutsche Weine bester deutscher Weingüter konzentrierte. Dass man natürlich bei Besuch israelischer Staatsmänner nur koscheren Wein anbietet und bei Muslimen ganz auf Alkohol verzichtet. Trinken mit Russen war dem Autor ein ganzes interessantes und amüsantes Kapitel wert und auch dem offiziellen Weinausschank in der DDR, bei dem meist nur Weine aus den sog. Bruderstaaten angeboten wurden, beleuchtet Bergmann auf sechs Seiten seines Buches.

Die Nationalhymne als Trinklied

Eine Passage neben vielen möchte ich am Schluss noch erwähnen, weil sie mir besonders viel Spaß gemacht hat. Sie betrifft die deutsche Nationalhymne, deren Text bekanntlich von Heinrich Hoffmann von Fallersleben stammt. Dieser war kein Kostverächter und dem Schaumwein zugetan. Eine Fußnote der Entstehungsgeschichte des 1841 verfassten Gedichts deutet in der ersten Hälfte der zweiten Strophe „deutsche Frauen, deutscher Wein“ auf seine unerfüllt Jugendliebe hin, währen der Begriff Deutscher Wein konträr zu seiner folgenden Aussage stand „Ich entwickelte eine bemerkenswerte Fähigkeit zum Entstöpseln von Champagnerflaschen.“ Seine Aufzeichnungen zur dritten Strophe belegen passenderweise, dass er die heutige Nationalhymne als Trinklied verstand. Alternativ zu der Zeile „Blüh im Glanze dieses Glückes, blühe deutsches Vaterland“, hatte Fallersleben den Trinkspruch „Stoßet an und ruft einstimmig: Hoch das deutsche Vaterland!“ vorgesehen. Deutlich weniger pathetisch.

Fakten Daten Zahlen.

Letztlich doch noch einen Blick auf die Statistik: In zehn Jahren nach dem Amtsantritt des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, von 2004 bis 2014, so haben die Recherchen Bergmanns ergeben, wurden den Gästen zehn Rheinhessen-Weine und fünf pfälzische Tropfen kredenzt. Hingegen wurden im gleichen Zeitraum 24 badische Weine und 17 fränkische gereicht. Die geringe Zahl von Weinen aus der Pfalz überrasche angesichts ihrer hohen Qualität, schreibt Bergmann. Gemessen an der Größe der jeweiligen Gebiete seien die Ahr, Baden, Franken, der Rheingau und Saale-Unstrut deutlich überrepräsentiert, während es bei der Pfalz, Rheinhessen und Württemberg genau umgekehrt sei.

34 Staatsbesuche wertete der Autor anhand von Menükarten aus. Unter insgesamt 34 Rotweinen waren 19 Spätburgunder, neun Cuvées, drei Merlot-Weine und jeweils ein Dornfelder, Frühburgunder und Lemberger. Die gleiche Zahl von Weißweinen verteilen sich auf 14 Riesling-Weine, sechs Cuvées, fünf Weißburgunder, vier Silvaner, zwei Grauburgunder und jeweils einen Chardonnay, Rivaner und Traminer. Zum Dessert wurden auch 13 Süßweine aufgetischt.

Großes Lesevergnügen - Fazit

Knut Bergmann ist es hervorragend gelungen aus einer ganz neuen Perspektive die Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland zu beleuchten. Der Wein als Statussymbol. Aussagekräftig, witzig, originell und aufschlussreich. Viele Aha-Erlebnisse, manch Nachdenkliches, manch Wunderliches. Ein wunderbarer Mix, aufgelockert durch kleine, schwarzweiße und farbige Fotos. Großes Lesevergnügen.
Text: Horst Kröber
 
Knut Bergmann
Mit Wein Staat machen
Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 
366 Seiten mit ca. 80 Abbildungen
Insel Verlag
ISBN 978-3-458-17771-5
D: 25,00 €, A: 25,70 €, CH: 35,50 CHF
 

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