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Orange Wines

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Von Horst Kröber  2364  
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Rot, Weiß, Rosée... Orange !Rot, Weiß, Rosée... Orange !

Man kennt Weißwein, Rotwein und Roséweine. Hört man das Wort Orange Wines, denkt sicherlich die Mehrheit der Bevölkerung, dies sei vergorener Orangensaft, also eine Art Fruchtwein. Weit gefehlt. Orange Wines sind auf der Maische vergorene Weißweine, die in Deutschland seit ca. 4-5 Jahren ein verstecktes Nischen-Dasein führen. Dabei ist die Methode uralt. Denn vom Weintyp her gleichen Orange Weine den Weinen, die in Amphoren durch Maischegärung, produziert werden. 

Historisch betrachtet ist die Weinherstellung in großen, in die Erde vergrabenen Tongefäßen wahrscheinlich die älteste Form der Weinherstellung. Dieser Ausbau mittels Maischegärung in Amphoren ist bis in die Antike in Georgien zurück verfolgbar und rund 4500 bis 5000 Jahre alt. Amphoren waren die damals üblichen Aufbewahrungs- und Transportgefäße für Flüssigkeiten. Sie wurden speziell für die Weinerzeugung und Lagerung hergestellt und aus statischen und klimatischen Gründen in den Boden eingegraben. Diese Art der Weinbereitung hat sich bis heute in Georgien gehalten und seit dem späten 20. Jahrhundert auch international wieder verbreitet, unter anderem in Italien, Slowenien, Kroatien, Deutschland, Österreich und Frankreich. 

Die Weißweintrauben werden mit den Beerenschalen (Maische) vergoren und extrahieren dadurch mehr Tannine und Farbstoffe aus den Beerenschalen. Oranger Wein ist gekennzeichnet durch eine dunkelgelbe bis orange Farbe. Die Weine präsentieren sich extrem unterschiedlich in Aussehen, Geruch und Geschmack. Orange Wine wird oft in begriffliche Nähe zum Naturwein. Beide Weintypen sind  allerdings voneinander unabhängig und bedienen nur eine sehr kleine Marktnische. 

Warum ist das so? Versuch einer Erklärung: "Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht", eine bis heute gängige Redensart, die sicherlich zu gegebener Zeit richtig war; denn, wenn ich nur das esse oder trinke was ich selbst produziere, weiß ich , dass mir damit nichts passieren kann. Reine Vorsichtsmaßregel. Heute sieht es nicht mehr ganz so aus: oder ? "Sag nicht schmeckt mir nicht, bevor du es nicht probiert hast", war einer der Lieblingssprüche meiner Mutter. Recht hatte sie. Natürlich gibt es heute auch noch Sachen, die ich nicht gerne esse oder trinke. Aber ich probiere zumindest alles; sagen wir, fast alles. 

Ein Riesling muss nach Riesling schmecken. Ein Weißburgunder muss all das aufweisen, was diese Rebsorte ausmacht sogenannte Leitaromen besitzen. Das Vorhandensein solcher ist eine der Grundvoraussetzung dafür, dass Weine dieser Rebsorten die Prüfungsnummer bekommen und als Qualitätswein anerkannt werden.  

Bei der Bezeichnungen Orange Wein, handelt es sich um keinen geschützten und klar definierten Begriff. Grundlage der Erzeugung liefern die Erzeugervorschriften des Bio-Weinbaues speziell des biologisch-dynamischen Weinbaus. Dazu gibt es in den Ländern Zertifizierungsstellen. Der Wein kann als Bio- oder Öko-Wein bezeichnet und vermarktet werden. Laut den derzeit gültigen gesetzlichen Reglungen der EU können diese Weine nicht als Qualitätswein in den Verkehr gebracht werden, sondern nur als Wein. 

Bevor wir uns dem Geschmack derselben und anderen Besonderheiten zuwenden, beschäftigen wir uns zuerst einmal mit dessen Herstellungsmethoden.

Die Weinherstellung erfolgt, wie gesagt, mittels Maischegärung, ähnlich der Rotweinbereitung. Während der Gärphase, die einige Wochen bis Monate dauern kann, lagert die Maische in Amphoren, Fässern oder Tanks. Durch den langen Kontakt mit der Maische extrahiert der Wein mehr Tannine und Farbstoffe, daher auch die dunkelgelbe bis orange Färbung und der Name. Die so erzeugten Weine sind oxidativ und besitzen eine starke und komplexe Textur. Sie haben weit mehr Gerbstoffe als gewöhnliche Weißweine. Nach der Maischegärung wird erst nach Wochen oder Monaten abgepresst. Die extrem lange Maischestandzeit prägt den Weincharakter stärker als der Lagerbehälter. Das Verfahren wird dabei sowohl traditionell verwendet als auch mit Methoden moderner Weinbereitung kombiniert.

Peter Jakob Kühn mit einer seiner Amphoren.Peter Jakob Kühn mit einer seiner Amphoren.Da es noch keine gesetzlichen Regelungen gibt und maischevergorene Weißweine nicht zur Tradition der meisten Weinanbaugebiete gehören, wird der Begriff gelegentlich sowohl in der Vermarktung als auch in der Kritik mit anderen Trends vermengt. So werden Orange Wine als auch Amphorenwein oft in einen Topf geworfen. Es gibt jedoch sowohl Orange Weine ohne Amphore, als auch Amphorenweine, die nicht orange sind. Der Begriff Oranger Wein wird häufig auch als Überbegriff für diese Weine verwendet. Was die Klarheit der späteren Weine angeht, können diese sowohl glasklar als auch „naturtrüb“ auf den Markt kommen. Aber auch für Weine, die auf diese Art erzeugt sind, gilt der Grundsatz einer qualitativen Unbedenklichkeit. Leider gibt es auch in dem Bereich Erzeuger, für die Chemie und Mikrobiologie Fremdwörter und somit kaum von Interesse sind. Erzeuger, die unter Umständen mit einer bedenklichen Kellerhygiene, den Ruf des gesamten Marktsegments schädigen. Deren Weine fehlerhaft sind und die dies mit "alles Natur" rechtfertigen. Diese berufen sich dann auf: es seien eben authentische Weine und bestehen auf lokaler Tradition. Viele Betriebe vermarkten sich auch in der Form, dass sie sehr innovativ, individuell und experimentell sind. Sie erweiterten mit diesen sehr unterschiedlichen Weinen die Diversität der Weinwelt. Sie wollen ein ganzheitliches Naturverständnis erkunden, welches zu einem neuen Lebensstil und Weinstil führt bzw. führen soll. Sie wollen unverwechselbare Unikatsweine erzeugen.

Das worüber sich so viele, teilweise auch völlig zurecht, aufregen, sind keine "Orange Wines", das sind "Naturweine". Die werden in der Regel auch maischevergoren. Das war es dann aber auch schon an Gemeinsamkeiten. Das Thema “Naturweine” ist viel komplexer. Da dreht sich ganz viel um den Schwefel, der nur wenig, am liebsten gar nicht, vorhanden sein soll. Da geht es um Amphoren und natürlich auch immer um "öko" und manchmal auch um Esoterik.  Das ist eine ganz andere Baustelle und hat mit den "normalen" Orange Wines nichts zu tun. 

Aber wie bringt man "Otto Normalverbraucher" diese Art von Wein näher? Wie bei allem ist auch hier das „erste Mal“ der Einstieg von großer Bedeutung. Die Information über die Herstellung solcher Weine oder auch die Verbindung Wein und Speisen können dabei sehr hilfreich sein. Einfach einmal das Wagnis „über den Tellerrand hinausschauen“ eingehen. Erfahrungen sammeln. 

Eines jedoch sollten Erzeuger beherzigen und immer wieder als Messlatte nehmen. Der Qualitätsgedanke darf niemals darunter leiden. Nie dürfen Weinfehler wie "flüchtige Säure", "Böckser", "Mufftöne" oder oxidativ, mit dieser Ausbauart entschuldigt werden. Ein Beispiel über die Herstellungsmethode von Orange Wines (entnommen der Zeitschrift "Der deutsche Weinbau" Heft 1/15) soll verdeutlichen, auf was bei der Erzeugung geachtet werden muss.

  • - Handlese und gesundes Lesegut
  • - entrappen oder nur quetschen mit Rappen ( letzteres bringt mehr Phenole)
  • - Vergärung mit Reinzuchthefe oder kontrollierte Spontangärung
  • - Gärdauer und Mazeration, evtl. im offenen Barrique (ca. 3-4 Wochen)
  • - Abpressen - wie Rotwein, keine hohen Drücke
  • - Einlagerung – sinnvoll Barrique ohne SO2, 
  • - BSA Einleitung
  • - Feinhefelagerung und rühren, je nach Typfrage bis in den Februar-März
  • - anschließend evtl. leichte Schwefelgabe  (50 mg/l ) nach sensorischem Befund
  • - Abfüllung August/September oder erst im kommenden Jahr (Typfrage) oder Verschnitt mit anderen Weinen

 

Bei allem soll der Qualitätsanspruch im Vordergrund stehen. Zum Schluss bleiben noch einige Fragen offen. Inwieweit sind solche Weine noch Terroirweine? Sollen sie nach den gleichen Kriterien beurteilt werden wie Weine nach den bestehenden gesetzlichen Regelungen? Sind diese Weine repräsentative Jahrgangsvertreter? Sind diese andersartigen Weine dem Konsumenten vermittelbar? Derzeit wird eine sehr kleine Marktnische bedient. 

Man steckt noch in den Kinderschuhen und bekanntlich ist aller Anfang schwer. Aber interessant ist die Entwicklung allemal. Bei dieser Art von Weinen empfiehlt es sich, völlig vorurteilsfrei heranzugehen und die "gängigen" Weineindrücke außen vor zu lassen. Nur so erschließt sich ein völlig neues Geschmackserlebnis. 

Bei Proben zweier Erzeuger konnte ich mich von der Eigenart und Besonderheit der Weine überzeugen: Hier meine Eindrücke: 

2011er Amphore-Riesling trocken, Weingut Peter Jakob Kühn/Rheingau

Das Winzerteam Peter und Peter vom Weingut KühnDas Winzerteam Peter und Peter vom Weingut KühnIn zwei großen Boxen, mit Weinbergserde gefüllten Boxen, wurden die unten spitz zulaufenden Amphoren "eingegraben". Das obere Viertel mit der Öffnung ragte noch heraus. Oben wurden die Öffnungen mit einer speziellen Silikonscheibe und einem schweren Quarzitstein abgedeckt. Der Riesling durchlief innerhalb von einigen Monaten zuerst die alkoholische und danach die malolaktische Gärung. Als Resultat hat der Wein keinen Restzucker und keine Apfelsäure mehr und ist damit auch ohne Filtration biologisch stabil! 

Danach hat der Amphoren Riesling eine lange Reifephase gebraucht. Sicher ist, dass bei dieser Art des Weinausbaus die Rebsorte selbst nicht die Dominanz hat, die man gewohnt ist. Genauso  Sicher ist jedoch, dass ihm noch eine überaus positive Entwicklung bevorsteht. Denn schon jetzt präsentiert er sich hoch interessant.

Das fängt beim Duft an. Intensiv und vielschichtig. Am Anfang nimmt man erdige Töne nach Unterholz, nassem Laub und Zedernholz wahr. Dann wird es fruchtig. Hochreife Birne und Orangenmarmelade bis hin zu konzentriertem Orangeat und  kandiertem Ingwer sorgen für Präsenz. Eine zarte Herbe nach Quittenmus sowie eine leicht oxidativ Note, die an reifen Cidre erinnert, legen sich zusammen mit rauchigen Aromen wie ein Mantel um das Ganze. Zarte, lebkuchenwürzige Komponenten vervollständigen diesen Geruchsreigen. 

Die enorme Ausdrucksstärke und Präsenz dieses Weines setzt ich im Geschmack weiter fort. Man nimmt weniger Fruchtkomponenten wahr. Dafür stehen zartbittere Nuancen nach geschälten Weiden, frischem, grünem  Laub  und Hagebutte im Vordergrund.  Aromen nach Orangenschale und Marzipan zusammen mit einer Spur weißem Pfeffer sorgen für den nötigen Gaumenkitzel. Geruch und Geschmack sind stimmig, rund und kraftvoll und hinterlassen einen überaus positiven Eindruck. 

Ideal für mich als Speisebegleiter zu würzigem Bergkäse, sowie zu Ente mit Orangen oder auch zu Gerichten mit Ingwer oder Curry.

 

 

 

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