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Vitiforst: der Natur wieder ein Stück näher

durch Symbiose von Reben und Bäumen trotz Klimaerwärmung frische Weine

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Vitiforst: der Natur wieder ein Stück näher eine Symbiose von Reben und Bäumen – trotz Klimaerwärmung frische Weine. Links: Pflanzaktion im Weingut Engelmann-Schlepper, rechts: im Weingut SchönhalsVitiforst: der Natur wieder ein Stück näher eine Symbiose von Reben und Bäumen – trotz Klimaerwärmung frische Weine. Links: Pflanzaktion im Weingut Engelmann-Schlepper, rechts: im Weingut Schönhals
Wie bekommen wir trotz Klimaerwärmung weiterhin frische Weine? Eine Frage, die Winzer mehr und mehr umtreibt und auch Weinfreunde interessieren dürfte. Ein neuer Weg ist Vitiforst. Dr. Johanna Döring, die an der Hochschule Geisenheim University leitend mit diesem Thema befasst ist, schickt zur Begründung vorweg: „Von den letzten zehn Jahren waren rund vier bis fünf extrem heiß. Dadurch spüren wir im Weinbau gravierende Veränderungen wie höhere Mostgewichte, Trockenheit, niedrigere Säure und damit Verluste an Typizität deutscher Weine. Die Weine werden durch die Hitze anders. Es war für die Winzer schwierig, die gewohnten Wein-Stile aufrechtzuerhalten.“ So wird Vitiforst mehr und mehr zum Thema.

Agroforst – im Weinbau Vitiforst genannt

Nachdem unsere Urahnen noch in Wäldern lebten, sind Bäume und Sträucher ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge chemischer Düngung, Mechanisierung der Landwirtschaft, Flurbereinigungen und nicht zuletzt Rodungsprämien von unseren Feldern so gut wie verschwunden. Monokulturen haben sich ausgebreitet. Doch allmählich werden die Vorteile der Symbiose von Feldfrüchten mit Bäumen und Sträuchern – genannt Agroforst, im Weinbau Vitiforst - wieder erkannt. 

Schon über 30 Jahre alte Vitiforst Anlage in Restinclières, Südfrankreich. Foto: Erik Hoffner, Mongabay, www.mongabay.comSchon über 30 Jahre alte Vitiforst Anlage in Restinclières, Südfrankreich. Foto: Erik Hoffner, Mongabay, www.mongabay.comEiner der Vorreiter ist das bereits 1946 gegründete INRA (das französische Institut national de la recherche agronomique), heute INRAE, das unter anderem in Zusammenarbeit mit dem südfranzösischen Département Hérault die große Forschungsfarm Restinclières betreibt, wo auch Weinbau in Kombination mit Bäumen betrieben wird, was sich im dortigen Klima ja geradezu anbietet. Eine gute Reportage dazu findet sich übrigens in der Arte Mediathek. In Deutschland begannen die ersten zaghaften Gehversuche mit Agroforst vor rund 30 Jahren, im Weinbau vor rund 15 Jahren.

Weinreben und Bäume sind gute Partner

Die Weinrebe ist eigentlich ein Lianengewächs, das sich an Bäumen emporrankt. Doch leider sehen wir auch die Weinberge als baumlose Monokulturen, was nicht nur zur Klimaerwärmung beträgt, sondern auch zur Verarmung der Böden und unzureichender Biodiversität. Die Reben werden dadurch schwächer und anfälliger für Krankheiten und Naturgewalten. Bäume hingegen haben wichtige Qualitäten: Sie binden Kohlenstoff, verbessern Mikroklima, Böden und Biodiversität, sind gute Windbrecher, fördern den Wasserhaushalt sowie die natürliche Nährstoffversorgung. Außerdem bilden sie eine wichtige Heimat für nützliche Insekten und Vögel. Von all dem profitieren die Reben und können so viel besser Schädlingen und Krankheiten trotzen, was wiederum den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verringert. 

Die Mykorrhiza-Netzwerke

Symbolbild Mykorrhiza-Netzwerke. Illustration: Kanisorn - AdobestockSymbolbild Mykorrhiza-Netzwerke. Illustration: Kanisorn - AdobestockMehr und mehr erkennt die Forschung auch die Funktionen dieser Pilz-Netzwerke im Boden, die Pflanzen verbinden, und über die sie sich quasi wie über Telefonkabel „unterhalten“. Der Baum versorgt sie mit Wasser und erhält Mineralien zurück. Er bildet sozusagen eine Wasserpumpe und verbessert so die Durchlässigkeit des Bodens. Diese Pilzgeflechte können sehr weiträumig sein, über Entfernungen von 100 Metern, und stellen einen Austausch zwischen Bäumen und anderen Pflanzen her, wovon auch die Reben profitieren. Darüber können sie die Böden tiefer erschließen, ihren Wasserhaushalt verbessern, mehr Mineralien aufnehmen und widerstandsfähiger werden. Es gibt über diese Symbiosen noch viel Interessantes zu erforschen.

Nicolas Haack vom Triebwerk: frische Weine trotz Klimaerwärmung

Nicolas Haack in der Anlage ArbustumNicolas Haack in der Anlage ArbustumBeispiel für Dacherziehung in der Azianda Inama in der Region Colli Berici, Italien. wo sich auch Schafe und Ziegen halten lassen. Foto: bonvinitasBeispiel für Dacherziehung in der Azianda Inama in der Region Colli Berici, Italien. wo sich auch Schafe und Ziegen halten lassen. Foto: bonvinitas

Haack, der zu den Gründern der Unternehmergemeinschaft ‚Triebwerk - Regenerative Land- und Agroforstwirtschaft‘ gehört, und zum Thema Vitiforst schon seit einigen Jahren Betriebe berät: „Auch wenn wir mit Vitiforst etwas mehr Schatten in die Reben bekommen, hat das im Zuge der Klimaerwärmung den für Weinfreunde durchaus positiven Effekt, dass wir die physiologische Reife der Trauben ohne das Zuviel an Öchslegraden und damit Alkohol erzielen, was zu frischeren Weinen führt. Und bei Dacherziehung lassen sich sogar Schafe und Ziegen unter den Reben halten, die zu einer natürlichen Düngung beitragen.“

Die Vitiforst-Anlage Arbustum in Ayl an der Saar - liefert schon Weine

Die Vitiforst Anlage Arbustum in Ayl an der Saar. Sehr schön zu sehen die Kordonerziehung der Reben mit langen Querästen.Die Vitiforst Anlage Arbustum in Ayl an der Saar. Sehr schön zu sehen die Kordonerziehung der Reben mit langen Querästen.

Da die Anlage bereits 2007 angelegt wurde, liefert sie natürlich schon Weine, die reihum von verschiedenen Winzern aus Ayl ausgebaut werden und unter „Arbustum Ayl“ im Web zu googlen sind.

Die Anlage wurde als Verbundprojekt zwischen den Universitäten Hohenheim und Freiburg sowie der Gemeinde Ayl seitens der Universität Freiburg nach dem historischen Beispiel des Weinbaus der Römer als Vitiforst angelegt. Die Bewirtschaftung inklusive aller Pflegemaßnahmen des Weinberges wird von lokalen Winzern der Gemeinde Ayl übernommen. In verschiedenen Studien werden wissenschaftliche Daten erhoben, woraus neue Erkenntnisse in Bezug auf Wasser und Nährstoffhaushalt, Konkurrenzwirkung von Baum und Rebe, Weinqualität und Biodiversität innerhalb eines Agroforstsystems gewonnen werden sollen. Die Reben werden in der s.g. Kordonerziehung erzogen mit längeren Querästen.1) Als Bäume hatte man sich für die dort authochtone Traubeneiche entschieden sowie für Zitterpappeln, die im Falle des Eingehens durch Silberpappeln ersetzt werden. Inzwischen sind etliche Veröffentlichungen und Arbeiten, wie auch zum Bachelor und Master, darüber erschienen. Außerdem wird die Funktion der Mykorrhiza-Netzwerke weiter erforscht. 

Dr. Johanna Döring, Hochschule Geisenheim University: Die Typizität der Weine erhalten – und doppelte Frucht

Hochschule Geisenheim University bei ihrer Vitiforst Anlage. Foto: Hochschule Geisenheim, R. Lehnart Hochschule Geisenheim University bei ihrer Vitiforst Anlage. Foto: Hochschule Geisenheim, R. Lehnart Natürlich forscht auch die Hochschule Geisenheim University über Vitiforst. So hat sie im November 2023 und Frühjahr 2024 eine drei Hektar Vitiforst-Versuchsanlage im Rüdesheimer Ebental angepflanzt. Es ist geplant, die Anlage ökologisch zu bewirtschaften und somit auf Herbizide, synthetische Fungizide und mineralische Stickstoffdüngung zu verzichten. Döring: „Wir möchten nicht nur die Temperaturen senken, den Wasserhaushalt verbessern und zur Erhaltung der Typizität unserer Weine beitragen, sondern ein Vitiforst soll sich für den Winzer auch lohnen, in dem die Bäume einen Zusatzertrag bringen. Für Äpfel und Birnen fanden wir es schon zu warm, so testen wir jetzt Quitten und Esskastanien und damit die gesamte Flächenproduktivität. Zur Ernte arbeiten wir mit Praxisbetrieben zusammen.“

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Winzer-Vorreiter

Pflanzplan von Triebwerk für das Weingut HemerPflanzplan von Triebwerk für das Weingut HemerHaack hat u.a. das Weingut Hemer in Worms-Abenheim beraten, das sich durch Hitze- und Trockenschäden insbesondere bei jungen Reben zu Vitiforst entschlossen und 2023 14 Baumarten gepflanzt hat. Felix Hemer: „Wir hatten die betreffende Fläche von 1,6 ha 2022 vorbereitet, die PIWI-Sorten Souvignier Gris und Sauvignac vorab und nun 85 Bäume gepflanzt.“

Zu den Vorreitern gehört auch das Weingut Engelmann-Schlepper in Eltville-Martinsthal/Rheingau, das von Johannes Bohnacker und Cornelia Schlepper betrieben wird, die als die ersten in Hessen im Januar 2024 auf rund 2 ha Reben 130 Bäume gepflanzt haben: „Bäume im Weinberg pflanzen heißt für uns Zukunft in Zeiten des Klimawandels pflanzen, auch wenn dies erst nach einiger Zeit und Diskussionen mit dem Weinbauamt und der unteren Naturschutzbehörde zwecks Änderung der Nutzung möglich war, und wir die Genehmigungen erhielten.“ (Foto im Aufmacher oben links)

Auch das Weingut Schönhals in Biebelnheim/Rheinhessen zählt zu den Vorreitern, das im Zuge einer  Weinbergsflurbereinigung bereits 2022 50 Bäume und Sträucher gepflanzt hat und unter anderem Vorteile in der biologischen Bekämpfung von Rebschädlingen sieht: „Die Gemeine Hainbuche beherbergt z.B. einen Parasiten der Grünen Rebzikade. Dieser Parasit hat den stärksten regulierenden Einfluss auf die Rebzikade. Die Winterlinde wiederum ist Lebensraum für Florfliegen, die Schildläuse und Spinnmilben vertilgen, sowie weitere Nützlinge wie Marienkäfer, Schwebfliegen, Bienen, Hummeln und Fledermäuse. Letztere sind ein natürlicher Feind des Schädlings Traubenwickler. Die Hundsrose bildet ein Nahrungsquelle für ca. 25 Vogelarten, 10 Wildbienen und 100 Insektenarte.“ (Foto im Aufmacher oben rechts)

Vitiforst Anlage des Weinguts Staffelter Hof in KrövVitiforst Anlage des Weinguts Staffelter Hof in KrövZu den Pionoieren zählt auch das Mosel-Weingut Staffelter Hof in Kröv. „Ganz bewusst haben wir uns für ein Agro-Forst-Projekt entschieden. Auf ca. 6 ha haben wir seit 2020 PIWI-Sorten angebaut und inzwischen mit Beratung von Haack auch Obstbäume, Sträucher und Büsche gepflanzt, um für eine größere Biodiversität zu sorgen. Die verschiedenen Bäume spenden unseren Reben Schatten, um sie vor Sonnenbrand zu schützen. Gleichzeitig sparen wir Wasser – was immer knapper wird – und so produzieren unsere Reben ihre Trauben in einem sehr natürlichen Raum“, so das Credo. 

Gleichermaßen zu nennen ist auch Delinat, ein Schweizer Weinhandler mit Niederlassung in Deutschland, der sich sehr um naturnahe Weine bemüht und nicht nur eng mit Winzern auch in Italien und Spanien zusammenarbeitet, sondern diese auch von Fachleuten beraten lässt und Vorgaben macht. Das mittlere Foto im Aufmacher stammt von Delinat.

Text: Dieter Simon, Herausgeber und Chefredakteur bonvinitas. Fotos: PR wenn nicht anders anegeben. Aufmachermontage: bonvinitas. Weitere Fotos: PR, sofern ncht anders angegeben.

1) Siehe den Artikel Agroforstsysteme mit Reben von Dr. Carina P. Lang, DLR Rheinpfalz, und Prof. Christian Zörb, Universität Hohenheim, in Der Winzer, 07/21

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